3. Juni 2025
CHRIZZLI-Blog: Dimensionen

 Während meiner ersten aktiven musikalischen Zeit – gewissermaßen meiner „Grundausbildung“ – hatte ich meine Klarinette, meine Lehrer, meine Noten und eine mehr oder weniger klare Vorgabe, wie diese (die Noten) zu spielen seien. Es ging fast ausschließlich um konzertante Musik – um den unglücklichen Begriff der „klassischen“ Musik zu vermeiden. Mozart, Brahms, Weber u.v.m. Die Noten waren meine Freund*innen, und die Umsetzung entsprechend den Vorstellungen meiner Lehrer und den vermeintlichen Vorstellungen der Komponist*in war mein Auftrag und meine Aufgabe. Ein darstellbares System aus Tonalität, Rhythmik und Struktur, in das ich hineinwuchs, in dem ich mich zunehmend wohl- und sicher fühlte und das mich immer noch prägt. 

Mit dem Wechsel von der Klarinette auf das Saxophon bekam ich nun auch zunehmend Kontakt zu Jazz. Zunächst als Solist mit Begleitung. Den Jazz empfand ich sofort als „gefühlteres“ Musizieren: Swing, Jazz-Achtel, Laid-Back …. Das war neu für mich. Jazz bot sich als Bühne an, eigene Ambitionen als Musiker entwickeln und zeigen zu können. Dafür lockte Jazz mit Freiheit. Diese Challenge nahm ich auch deshalb gerne an, weil ich eine Saxophon-Lehrerin hatte (und habe), die einen gut aus der Komfort-Zone zu locken vermochte. 

„Improvisation“ und „Solo“ – so hießen die Zauberwörter. „Ja, das kann man lernen“, behauptete sie zurecht. Wie ich schnell lernte, hieß Improvisation allerdings nicht, in einem bestimmten Slot „irgendwas“ zu spielen! Ein improvisiertes Solo stellte sich als eine (für mich) gewaltige Aufgabe heraus, die ein umfassendes Verinnerlichen von harmonischen und „organisatorischen“ Strukturen innerhalb eines Stückes voraussetzt. Mal ganz abgesehen von einem möglichst hohen Maß an Kreativität, Virtuosität und Spielwitz. 

Für mich war da von Freiheit nichts zu spüren. Ich (als Solist) empfand vor allem Verkrampfung und Stress. 

Viel wohler fühlte ich mich dann wieder in Ensembles. Ob als Saxophon-Duo oder 

-Quartett … hier brauchte ich keine Soli zu spielen. Und auch die Noten waren wieder da. Von Anfang bis Ende des Stückes. Hier ging es um Kommunikation, Präzision und Balance. Aufeinander hören, Orientierung bieten, sich gegenseitig retten, wieder zusammenfinden, perfekte gemeinsame Einsätze, gemeinsame Dynamik …. Für mich die perfekte Balance zwischen Intimität und Team. Hier war es dann auch schon fast wieder egal, ob wir konzertante Musik, Jazz, Klezmer oder Traditionals spielten. Ich fühlte mich angekommen. 

Wieder eine neue Dimension erlebe ich seit einiger Zeit beim Spiel mit dem traditionell mitteleuropäischen Dudelsack (Hümmelchen). Hier erlebe ich beim Erlernen von mir 

völlig unbekannt gebliebener traditioneller Musik die zunächst völlige Abkehr von Noten. „Erzähl die Geschichte, lies sie nicht vor“, erläuterte meine Dudelsack-Lehrerin, die sich intensiv mit der Musik der Wandermusiker in Frankreich beschäftigt hatte. Vorspielen, Nachspielen, Verinnerlichen. Für mich ungewohnt, aber reizvoll. Mit dem Dudelsack hat man naturgemäß nicht die Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten anderer Instrumente zur Verfügung. Hier sprechen die einfachen, überzeugenden Melodien sowie die dahinter stehenden Geschichten die Hauptrolle. Eine solide Handhabung des Instruments und das sensible, unverkrampfte Verwenden von Verzierungen sind hier meine Aufgaben. Klingt gar nicht so spektakulär, fühlt sich aber sehr anders an. 

Mit der Arbeit im Rahmen von CHRIZZLI lerne ich gerade, dass beim Musizieren nicht ein Lied, ein Satz, ein Konzert, ein Arrangement das Ziel ist. Hier verlässt Musik als Klang plötzlich seinen gewohnten Rahmen und tritt in Dialog mit einem Gedicht – mit Lisa und mir als kreative Mediatoren und „Resonanzböden“. Wir lassen ein Gedicht auf unseren kreativen Boden fallen und lassen intuitiv Klänge darauf regnen. Es darf auch mal ein Lied-(Teil) sein oder ein Geräusch … Was dann wächst, ist etwas Neues, etwas Symbiotisches, etwas Besonderes. Etwas, von dem wir am Anfang nicht wissen können, wie es am Ende werden wird. 

Am Schluss steht natürlich wieder ein Konzept, ein Drehbuch. Aber der Prozess von der Auseinandersetzung mit dem Text bis hin zum fertigen Konzept ist kreativ, wie ich ihn nie erlebt habe. Für mich eine völlig neue Art des Musizierens. Erneut eine neue Dimension