Juni 2026
CHRIZZLI-Chronik, Teil 9
„Das kann ich nicht!“
„Das kann ich nicht!“ antwortete ich Lisa auf ihre Aufforderung hin, die Zunge
rauszustrecken. „Dann dreh‘ dich um!“, entgegnete sie.
So ging’s dann: Einander abgewandt die Zungen rausstrecken …
„Ein ungewohnter Start in einen Probentag“ dachte ich zum wiederholten Male an diesem
Vormittag, dem 14. Mai 2026.
Aber Lisa hatte es angekündigt. „Ab morgen läuft es professionell“, schrieb sie mir am Tag
zuvor. Was sie meinte, erfuhr ich gerade: Körperliche und stimmliche Lockerungsübungen:
Von Gliedmaßen-schütteln und Grimassen-ziehen bis hin zu Ton-Übungen mit und ohne
LAX VOX-Schlauch. Den hatte Lisa mir zum Geburtstag geschenkt, aber ich hatte mich nicht
getraut, ihn ohne Anleitung auszuprobieren. Doch jetzt wurde er ausprobiert. Ich war
begeistert. Ein weiterer Schritt hin zu einer akzeptablen Mikrophon-Stimme und ein
vielversprechendes Intro zu einem hoffentlich spannenden und produktiven Tag.
Wir dachten bereits seit einiger Zeit darüber nach, die bereits begonnene Bearbeitung eines
Ringelnatz-Textes komplett aufzugeben und durch ein völlig neues Konzept zu ersetzen. Auch
szenische Elemente waren vorstellbar.
Nach fünf Minuten war die Grund-Idee geboren, und nach weiteren zehn Minuten nahm sie
auch schon Fahrt auf. Wir wunderten uns über uns selber.
Eine weitere, bereits im Winter begonnene Kaléko-Bearbeitung konnten wir ebenfalls noch
fertigstellen, sodass wir zeitlich voll auf Kurs waren. Für den nächsten Tag hatten wir uns
nämlich vorgenommen, auch unsere letzten drei Bearbeitungen (Kaléko, Ringelnatz, Kästner)
ordentlich aufzunehmen – vielleicht sogar mit unserer eigenen Technik …
Wir hätten dann fünf fertige Produktionen, und die sollten dann auch der Kern unseres
ersten Auftritts werden.
Und so starteten wir in unseren zweiten Probentag. Unsere neue Technik war recht zügig
aufgebaut. Allerdings mussten wir beim Soundcheck feststellen, dass unsere neuen Ansteck-
Mikros sehr Feedback-anfällig waren. Wir holten uns Rat von Martin, der nach einer kurzen
Inaugenscheinnahme diagnostizierte, dass diese Mikros mit ihrer Kugelcharakteristik eher
ungeeignet für unsere Zwecke seien. Niere sei angesagt. In einem Headset.
Er fummelte uns dann doch noch einen guten, aber fragilen Sound hin, und es war klar, dass
wir an dieser Stelle umrüsten müssten.
Furchtlos starteten wir dennoch unsere Aufnahme-Aktivitäten und hatten dann auch bald
eine gelungene Aufnahme der tags zuvor erst entwickelten Ringelnatz-Bearbeitung auf Lisa’s
Laptop.
Sogar eine weitere Aufnahme bekamen wir hin – allerdings nur zeitlich, weil wir lernen
durften, dass Gesang für ein Mikro lauter ist als ein gesprochener Text.
Es ist eben doch oft eine gute Entscheidung, Dinge Menschen anzuvertrauen, die was davon
verstehen. Dies bleibt richtig. Wir jedoch wollen ja weitestgehend autark werden und
verbuchten daher wertvolle Erfahrungen auf der Haben-Seite für’s Bessermachen beim
nächsten Mal.
Ziemlich platt verabredeten wir uns noch für den nächsten Tag. Klappe.
An diesem dritten Tag unseres Proben-Wochenendes wollten wir uns ein vielversprechendes
Theater mit einem interessanten Konzept anschauen: Das „Studijo“.
Das Studijo bot sich als Raum für Theater, Workshops und Kleinkunst an. Ein Raum, in dem
sich Kulturschaffende ausprobieren und erste Live-Erfahrungen sammeln konnten. In einem
richtigen Theater mit einer richtigen Bühne und einer richtigen Zuschauer-Tribüne für bis zu
ca. 30 Personen. Und das Ganze mit einem integrierten Café. Wie für uns erdacht …
Treffpunkt war an der Oper, dann Tram und ein Spaziergang durch Reudnitz, und dann waren
wir da. Spinxten vorsichtig ins Café und setzten uns – Kaffeedurst heuchelnd – an einen der
beiden Tische draußen. Ich hatte schlimmen Redebedarf und wollte sofort mit dem einzigen
Mitarbeitenden über die Möglichkeit eines Auftritts reden. Also zogen wir von draußen nach
drinnen und machten uns mit Erik, einem der Inhaber*innen bekannt.
Alles passte. Auch persönlich. Zu schön um wahr zu sein, und schon bald hatten wir einen
Termin für unseren ersten Auftritt gebucht.
Diese spektakuläre Entwicklung sowie das bevorstehende Ereignis feierten wir anschließend
auf den Stufen der Oper mit einem Bier, einer Zigarette und zahlreichen Plänen für unsere
Premiere. Bilder entstanden, Setlisten, Bühnenbild, Dresscode und vieles mehr.
Chrizzli-Romantik eben …
